
독일 Financial Times Deutschland 에 기사가 실렸어요..2011.11.04일자
Paradies im TodesstreifenClaus Hecking, Panmunjeom04.11.11 Zwischen Kommunismus und Kapitalismus liegt der Garten Eden. Im minenverseuchten Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea haben Tiere und Pflanzen ein einzigartiges Refugium gefunden. Jetzt droht ihnen die Vertreibung aus dem Paradies – ausgerechnet durch einen Friedenspark Kaum ist der Wanderfalke in der Baumkrone gelandet, da visiert er schon sein geplantes Frühstück an: den jungen Sperling am Ufer des Weihers. Wasserpflanzen wuchern, es riecht nach Algen und dem mannshohen Schilf. Plötzlich verstummen die Zikaden, der Falke breitet seine langen Schwingen aus, steigt empor, flieht. Stiefel marschieren im Gleichschritt heran: 15, 20 Männer in Tarnanzügen stapfen hinter den Bäumen hervor. Sie halten sich penibel an die Wegmarkierungen. Minengefahr. „Das ist nur die amerikanische Morgenpatrouille“, sagt Herr Kim, der Naturliebhaber. „Die Tiere sind gleich wieder da, sie kennen die Soldaten.“ Seit sechs Jahrzehnten kommen fast nur Uniformierte zur koreanischen Waffenstillstandslinie. Wo Anfang der 1950er-Jahre die Brüder aus Nord und Süd einander niedermetzelten, ist heute die am schärfsten kontrollierte Grenze der Erde. Mindestens 600 000 südkoreanische Soldaten, US-Truppen und Uno-Blauhelme stehen hier am 38. Breitengrad rund einer Million Angehörigen der nordkoreanischen Volksbefreiungsarmee gegenüber. Sie wachen über eine knapp 240 Kilometer lange, bis zu 30 Kilometer breite Pufferzone, die seit dem Waffenstillstand 1953 den kommunistischen Norden vom kapitalistischen Süden trennt. Beide Staaten sind ganz offiziell noch immer im Kriegszustand. Der Todesstreifen ist Herrn Kims Passion. „Dies ist ein Paradies“, schwärmt der 51-Jährige und deutet auf zwei orange leuchtende Schmetterlinge, die einander durchs wild wuchernde Gras jagen. „Ein Paradies für Tiere und Pflanzen.“ Seit acht Jahren pilgert der Biologielehrer Kim Seung-ho aus der kleinen Stadt Paju hierher. Passiert mit einer Sondererlaubnis all die Panzersperren, Spanischen Reiter, Checkpoints auf der südkoreanischen Seite. Und startet seine Expedition ins Tierreich. Mehr als 3000 verschiedene Tiere und Pflanzen haben Naturkundler in den Weihern, Sümpfen, Wäldern, Flussauen aufgespürt. Hier in der zwei Kilometer breiten Demilitarisierten Zone (DMZ) südlich der Demarkationslinie sowie in den angrenzenden militärischen Sperrgebieten leben mehr als die Hälfte aller Wildtiere Südkoreas. Besonders für vom Aussterben bedrohte Spezies wie die Leopardenkatze, den asiatischen Schwarzbären oder den rotköpfigen Mandschurenkranich ist die Pufferzone das perfekte Refugium. Hier, nur hier im sonst so überbevölkerten Südstaat gibt es keine Industrie und kaum Verkehr. Jetzt fürchtet Herr Kim aber um seinen Garten Eden. Südkoreas Regierung hat Ende Juli entschieden, Teile der Pufferzone in einen Nationalpark umzuwandeln: in einen „Gürtel des Ökotourismus“. 17,9 Mrd. Dollar wollen die Politiker investieren, um Minen räumen zu lassen, Ferienressorts, ein College sowie ein Forschungszentrum für erneuerbare Energien zu bauen. Arbeiter haben bereits begonnen, erste Abschnitte eines fast 500 Kilometer langen Radwegs in den Grenzstreifen zu asphaltieren. Herr Kim ist voller Skepsis: „Ich habe Angst vor dem Massentourismus.“ Nichts fürchtet er so sehr wie die Busladungen voller Schaulustiger, die ein paar Kilometer weiter das tägliche Propagandaspektakel am Grenzposten Panmunjeom begaffen. Wo 1953 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, paradieren noch immer nordkoreanische Soldaten zwischen hellblauen Uno-Baracken aus dem Krieg auf und ab: verfolgt von den Blicken südkoreanischer Waffenträger in Taekwondo-Angriffspose. Der Geländewagen ist tief in die Sperrzone eingedrungen. Jenseits der Hügelkette beginnt schon Nordkorea. Zwei Reihen Metallzäune mit Stacheldrahtkrone, dazwischen Wachttürme, Flutlichtmasten, überdimensionale Scheinwerfer wie einst an der deutsch-deutschen Grenze. Männer mit Maschinenpistolen im Anschlag stehen auf den Beobachtungsposten. Andere suchen mit Wärmebildkameras den Injin-Fluss ab, der ein paar Kilometer weiter ins Meer mündet. Hier, so erzählt ein Soldat, habe man kürzlich einen „nordkoreanischen Spion“ gefasst. Auf der Sandbank zwischen dem Flussufer und den Zäunen stecken zwei schneeweiße Reiher ihre Köpfe in den Schlick. Ein Chinarohrsänger schnappt einen kleinen Fisch aus dem Wasser. Hier hat Herr Kim einmal fast 400 Mönchsgeier gleichzeitig gezählt. Das Niemandsland ist der ideale Lebensraum für Vögel aller Art. Bei Ebbe finden sie im Watt jede Menge Futter. Die Absperrungen beschützen sie vor Raubtieren. Und wichtiger noch: vor Menschen. Außer Herrn Kim und seinen Mitstreitern des von ihm gegründeten DMZ Ecology Research Institute bekommt kaum ein Zivilist die Naturwunder der früheren Schlachtfelder zu sehen. Die Regierung will das nun ändern. „Dieser einzigartige Ort soll den Menschen zeigen, was Frieden bewirken kann“, sagt Son Gi-woong, Stratege vom regierungsnahen Korea Institute for National Unification in Seoul. „Die Demilitarisierte Zone könnte zu einer Brücke zwischen Nord- und Südkorea werden.“ Schon vor zehn Jahren, so erzählt Son, habe seine Regierung dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-il die Idee eines grenzüberschreitenden Friedensparks und Naturschutzgebiets vorgestellt. Kim aber habe sich bis heute nicht auf ein ernsthaftes Gespräch eingelassen. Im Gegenteil: Die Nordkoreaner holzen in ihrer Sperrzone kräftig ab, offenbar brauchen sie Brennmaterial. „Wenn so ein Ökopark errichtet würde, müsste die Demilitarisierte Zone tatsächlich demilitarisiert werden“, sagt Stratege Son. „Das will Pjöngjang offenbar nicht.“ Also probieren es die Südkoreaner im Alleingang. Ende September hat die Regierung bei der Unesco beantragt, einem Gebiet von knapp 3000 Quadratkilometern der Sperrzone, einer Fläche größer als das Saarland, den Status eines Biosphärenreservats zu verleihen. Die Sicherheitszone wäre damit vor einer Industrialisierung geschützt, könnte aber in Teilen für Touristen geöffnet werden. Die Einwohner der nur 70 Kilometer entfernten Millionenmetropole Seoul hätten ein neues Naherholungsgebiet. Und die Gemeinden im südkoreanischen Zonenrandgebiet Einnahmen durch den Fremdenverkehr. Selbst Herr Kim kann mittlerweile einem Biosphärenreservat etwas abgewinnen. Könnte der neue Status doch die Ausbreitung der Plantagen stoppen, deren schwarz-blaue Plastikplanen immer mehr Hänge der Zone bedecken: Ginseng, liebstes Potenz- und Arzneimittel vieler Asiaten. Seit das Militär im Jahr 2000 erstmals den Anbau freigegeben hat, wächst das Business in der Sperrzone rasant. Das große Geld lockt. Bis zu 120 000 Won (80 Euro) bringt ein Kilo koreanischer Ginseng, Boden und Klima vor Ort sind fast perfekt – und Diebe müssen die Bauern hier auch nicht fürchten. Doch der Boom hat Schattenseiten. „Der Ginseng-Anbau zerstört den Lebensraum vieler Tiere“, klagt Herr Kim. Kunstdünger verseuche das Grundwasser. Pestizide vergifteten den Boden und gelangten in die Nahrungskette. Vögel wanderten ab, weil sie sich auf den Planen nicht niederlassen könnten. „Wenn das so weitergeht, werden einige Arten ganz aussterben“, fürchtet Herr Kim. Ein Nationalpark, von dem nur ein winziger Teil für den Tourismus geöffnet werde, sei dann vielleicht doch das kleinere Übel. Sehenswertes gibt es reichlich in der Zone. Etwa den Wald hinter dem Stacheldrahtzaun, an dem ein rotes Warndreieck mit der Aufschrift „Mine“ hängt. Seit 1953 hat niemand mehr diesen Wald betreten. Keine der Kriegsparteien hat je kartografiert, wo sie ihre Sprengfallen verlegt hat. So wie hier, erklärt Herr Kim, sähe die Natur in ganz Korea aus, wenn man sie unangetastet ließe. Ein dichtes Laubgeflecht voller Bienen, Spinnen und Wiesel. Zu beiden Rändern der Durchfahrtsstraße stehen olivgrüne Stützpfeiler. Sie tragen Betonblöcke, an denen Sprengladungen kleben. Die werden im Ernstfall hochgejagt, damit die Klötze den nordkoreanischen Panzern den Weg versperren. Links und rechts der Straße baut sich ein fünf Meter hoher Wall aus Erde und Steinen auf. „Das ist die koreanische Mauer“, sagt Herr Kim. Eine Verteidigungslinie des Südens, die sich über die gesamten 240 Kilometer entlang der Grenze erstrecke. Soldaten sind gerade gar keine zu sehen, dafür umso mehr Tiere. Ein Wasserreh flüchtet aufgeschreckt ins Unterholz, zwischen den Widerhaken eines Stücks Nato-Draht ruht sich eine knallrote asiatische Feuerlibelle aus. Und im leeren, bunkerartigen Gefechtsstand sind zwei Frösche in ihr Liebesspiel vertieft. Herr Kim lächelt versonnen. „Es wäre wundervoll, wenn sich unser Land eines Tages wiedervereinigt, wie Deutschland“, sagt er nachdenklich. „Aber dieser Ort darf dabei nicht zerstört werden.“ So einen schönen Todesstreifen kriegt Korea nie wieder.
Dr. Claus Hecking
EU, NATO and Benelux CorrespondentBrussels Office Financial Times Deutschland
G+J Wirtschaftsmedien AG & Co. KG
Rue Ducale/Hertogstraat 39
1000 Brussels
독일 Financial Times Deutschland 에 기사가 실렸어요..2011.11.04일자
Paradies im TodesstreifenClaus Hecking, Panmunjeom04.11.11 Zwischen Kommunismus und Kapitalismus liegt der Garten Eden. Im minenverseuchten Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea haben Tiere und Pflanzen ein einzigartiges Refugium gefunden. Jetzt droht ihnen die Vertreibung aus dem Paradies – ausgerechnet durch einen Friedenspark Kaum ist der Wanderfalke in der Baumkrone gelandet, da visiert er schon sein geplantes Frühstück an: den jungen Sperling am Ufer des Weihers. Wasserpflanzen wuchern, es riecht nach Algen und dem mannshohen Schilf. Plötzlich verstummen die Zikaden, der Falke breitet seine langen Schwingen aus, steigt empor, flieht. Stiefel marschieren im Gleichschritt heran: 15, 20 Männer in Tarnanzügen stapfen hinter den Bäumen hervor. Sie halten sich penibel an die Wegmarkierungen. Minengefahr. „Das ist nur die amerikanische Morgenpatrouille“, sagt Herr Kim, der Naturliebhaber. „Die Tiere sind gleich wieder da, sie kennen die Soldaten.“ Seit sechs Jahrzehnten kommen fast nur Uniformierte zur koreanischen Waffenstillstandslinie. Wo Anfang der 1950er-Jahre die Brüder aus Nord und Süd einander niedermetzelten, ist heute die am schärfsten kontrollierte Grenze der Erde. Mindestens 600 000 südkoreanische Soldaten, US-Truppen und Uno-Blauhelme stehen hier am 38. Breitengrad rund einer Million Angehörigen der nordkoreanischen Volksbefreiungsarmee gegenüber. Sie wachen über eine knapp 240 Kilometer lange, bis zu 30 Kilometer breite Pufferzone, die seit dem Waffenstillstand 1953 den kommunistischen Norden vom kapitalistischen Süden trennt. Beide Staaten sind ganz offiziell noch immer im Kriegszustand. Der Todesstreifen ist Herrn Kims Passion. „Dies ist ein Paradies“, schwärmt der 51-Jährige und deutet auf zwei orange leuchtende Schmetterlinge, die einander durchs wild wuchernde Gras jagen. „Ein Paradies für Tiere und Pflanzen.“ Seit acht Jahren pilgert der Biologielehrer Kim Seung-ho aus der kleinen Stadt Paju hierher. Passiert mit einer Sondererlaubnis all die Panzersperren, Spanischen Reiter, Checkpoints auf der südkoreanischen Seite. Und startet seine Expedition ins Tierreich. Mehr als 3000 verschiedene Tiere und Pflanzen haben Naturkundler in den Weihern, Sümpfen, Wäldern, Flussauen aufgespürt. Hier in der zwei Kilometer breiten Demilitarisierten Zone (DMZ) südlich der Demarkationslinie sowie in den angrenzenden militärischen Sperrgebieten leben mehr als die Hälfte aller Wildtiere Südkoreas. Besonders für vom Aussterben bedrohte Spezies wie die Leopardenkatze, den asiatischen Schwarzbären oder den rotköpfigen Mandschurenkranich ist die Pufferzone das perfekte Refugium. Hier, nur hier im sonst so überbevölkerten Südstaat gibt es keine Industrie und kaum Verkehr. Jetzt fürchtet Herr Kim aber um seinen Garten Eden. Südkoreas Regierung hat Ende Juli entschieden, Teile der Pufferzone in einen Nationalpark umzuwandeln: in einen „Gürtel des Ökotourismus“. 17,9 Mrd. Dollar wollen die Politiker investieren, um Minen räumen zu lassen, Ferienressorts, ein College sowie ein Forschungszentrum für erneuerbare Energien zu bauen. Arbeiter haben bereits begonnen, erste Abschnitte eines fast 500 Kilometer langen Radwegs in den Grenzstreifen zu asphaltieren. Herr Kim ist voller Skepsis: „Ich habe Angst vor dem Massentourismus.“ Nichts fürchtet er so sehr wie die Busladungen voller Schaulustiger, die ein paar Kilometer weiter das tägliche Propagandaspektakel am Grenzposten Panmunjeom begaffen. Wo 1953 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, paradieren noch immer nordkoreanische Soldaten zwischen hellblauen Uno-Baracken aus dem Krieg auf und ab: verfolgt von den Blicken südkoreanischer Waffenträger in Taekwondo-Angriffspose. Der Geländewagen ist tief in die Sperrzone eingedrungen. Jenseits der Hügelkette beginnt schon Nordkorea. Zwei Reihen Metallzäune mit Stacheldrahtkrone, dazwischen Wachttürme, Flutlichtmasten, überdimensionale Scheinwerfer wie einst an der deutsch-deutschen Grenze. Männer mit Maschinenpistolen im Anschlag stehen auf den Beobachtungsposten. Andere suchen mit Wärmebildkameras den Injin-Fluss ab, der ein paar Kilometer weiter ins Meer mündet. Hier, so erzählt ein Soldat, habe man kürzlich einen „nordkoreanischen Spion“ gefasst. Auf der Sandbank zwischen dem Flussufer und den Zäunen stecken zwei schneeweiße Reiher ihre Köpfe in den Schlick. Ein Chinarohrsänger schnappt einen kleinen Fisch aus dem Wasser. Hier hat Herr Kim einmal fast 400 Mönchsgeier gleichzeitig gezählt. Das Niemandsland ist der ideale Lebensraum für Vögel aller Art. Bei Ebbe finden sie im Watt jede Menge Futter. Die Absperrungen beschützen sie vor Raubtieren. Und wichtiger noch: vor Menschen. Außer Herrn Kim und seinen Mitstreitern des von ihm gegründeten DMZ Ecology Research Institute bekommt kaum ein Zivilist die Naturwunder der früheren Schlachtfelder zu sehen. Die Regierung will das nun ändern. „Dieser einzigartige Ort soll den Menschen zeigen, was Frieden bewirken kann“, sagt Son Gi-woong, Stratege vom regierungsnahen Korea Institute for National Unification in Seoul. „Die Demilitarisierte Zone könnte zu einer Brücke zwischen Nord- und Südkorea werden.“ Schon vor zehn Jahren, so erzählt Son, habe seine Regierung dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-il die Idee eines grenzüberschreitenden Friedensparks und Naturschutzgebiets vorgestellt. Kim aber habe sich bis heute nicht auf ein ernsthaftes Gespräch eingelassen. Im Gegenteil: Die Nordkoreaner holzen in ihrer Sperrzone kräftig ab, offenbar brauchen sie Brennmaterial. „Wenn so ein Ökopark errichtet würde, müsste die Demilitarisierte Zone tatsächlich demilitarisiert werden“, sagt Stratege Son. „Das will Pjöngjang offenbar nicht.“ Also probieren es die Südkoreaner im Alleingang. Ende September hat die Regierung bei der Unesco beantragt, einem Gebiet von knapp 3000 Quadratkilometern der Sperrzone, einer Fläche größer als das Saarland, den Status eines Biosphärenreservats zu verleihen. Die Sicherheitszone wäre damit vor einer Industrialisierung geschützt, könnte aber in Teilen für Touristen geöffnet werden. Die Einwohner der nur 70 Kilometer entfernten Millionenmetropole Seoul hätten ein neues Naherholungsgebiet. Und die Gemeinden im südkoreanischen Zonenrandgebiet Einnahmen durch den Fremdenverkehr. Selbst Herr Kim kann mittlerweile einem Biosphärenreservat etwas abgewinnen. Könnte der neue Status doch die Ausbreitung der Plantagen stoppen, deren schwarz-blaue Plastikplanen immer mehr Hänge der Zone bedecken: Ginseng, liebstes Potenz- und Arzneimittel vieler Asiaten. Seit das Militär im Jahr 2000 erstmals den Anbau freigegeben hat, wächst das Business in der Sperrzone rasant. Das große Geld lockt. Bis zu 120 000 Won (80 Euro) bringt ein Kilo koreanischer Ginseng, Boden und Klima vor Ort sind fast perfekt – und Diebe müssen die Bauern hier auch nicht fürchten. Doch der Boom hat Schattenseiten. „Der Ginseng-Anbau zerstört den Lebensraum vieler Tiere“, klagt Herr Kim. Kunstdünger verseuche das Grundwasser. Pestizide vergifteten den Boden und gelangten in die Nahrungskette. Vögel wanderten ab, weil sie sich auf den Planen nicht niederlassen könnten. „Wenn das so weitergeht, werden einige Arten ganz aussterben“, fürchtet Herr Kim. Ein Nationalpark, von dem nur ein winziger Teil für den Tourismus geöffnet werde, sei dann vielleicht doch das kleinere Übel. Sehenswertes gibt es reichlich in der Zone. Etwa den Wald hinter dem Stacheldrahtzaun, an dem ein rotes Warndreieck mit der Aufschrift „Mine“ hängt. Seit 1953 hat niemand mehr diesen Wald betreten. Keine der Kriegsparteien hat je kartografiert, wo sie ihre Sprengfallen verlegt hat. So wie hier, erklärt Herr Kim, sähe die Natur in ganz Korea aus, wenn man sie unangetastet ließe. Ein dichtes Laubgeflecht voller Bienen, Spinnen und Wiesel. Zu beiden Rändern der Durchfahrtsstraße stehen olivgrüne Stützpfeiler. Sie tragen Betonblöcke, an denen Sprengladungen kleben. Die werden im Ernstfall hochgejagt, damit die Klötze den nordkoreanischen Panzern den Weg versperren. Links und rechts der Straße baut sich ein fünf Meter hoher Wall aus Erde und Steinen auf. „Das ist die koreanische Mauer“, sagt Herr Kim. Eine Verteidigungslinie des Südens, die sich über die gesamten 240 Kilometer entlang der Grenze erstrecke. Soldaten sind gerade gar keine zu sehen, dafür umso mehr Tiere. Ein Wasserreh flüchtet aufgeschreckt ins Unterholz, zwischen den Widerhaken eines Stücks Nato-Draht ruht sich eine knallrote asiatische Feuerlibelle aus. Und im leeren, bunkerartigen Gefechtsstand sind zwei Frösche in ihr Liebesspiel vertieft. Herr Kim lächelt versonnen. „Es wäre wundervoll, wenn sich unser Land eines Tages wiedervereinigt, wie Deutschland“, sagt er nachdenklich. „Aber dieser Ort darf dabei nicht zerstört werden.“ So einen schönen Todesstreifen kriegt Korea nie wieder.
Dr. Claus Hecking
EU, NATO and Benelux CorrespondentBrussels Office Financial Times Deutschland
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